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Erwachsenenbildung in Thüringen

Inklusive Erwachsenenbildung

​Der zwischen den Parteien DIE LINKE, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN beschlossene Koalitionsvertrag vom 20. November 2014 sieht vor, gemeinsam mit den öffentlichen und freien Trägern ein Maßnahmenkonzept zur Steigerung der Inanspruchnahme von Angeboten der Erwachsenenbildung von Menschen mit Behinderung zu entwickeln und schrittweise umzusetzen.

Die Träger der anerkannten Einrichtungen der Erwachsenenbildung in Thüringen haben sich im Vergleich zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) für eine weitere Auslegung des Begriffs Inklusion in Anlehnung an die Definition von Monika Kil ausgesprochen.

Die Definition lautet: „Allen Menschen – unabhängig von Geschlecht, Religion, ethnischer Zugehörigkeit, besonderen Lebensbedürfnissen, sozialen oder ökonomischen Voraussetzungen - sollen die gleichen Möglichkeiten offen stehen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale zu entwickeln.“

Eine durch das Landeskuratorium für Erwachsenenbildung beauftragte Arbeitsgruppe hat gemeinsam mit dem zuständigen Fachreferat des TMBJS Leitlinien für eine inklusive Erwachsenenbildung erarbeitet.

Leitlinien für eine inklusive Erwachsenenbildung

Unter dem Begriff Inklusion hat die UN-Behindertenrechtskonvention eine gesellschaftliche und politische Bewusstseinsänderung zum Thema Menschenrechte in Gang gesetzt. Zunehmend greift die Erkenntnis um sich, dass die Forderung nach Teilhabe nicht nur alle Lebensbereiche umfasst, sondern eine konkrete Umsetzung auch zu gesamtgesellschaftlicher Bereicherung führt.

„Bildung für alle“, „Entfaltung individueller Potenziale“ oder „Vielfalt des Lernens“ sind wesentliche Anliegen der Konvention und decken sich mit traditionellen Werten der Erwachsenenbildung. Es liegt daher nahe, ausgehend von den teilnehmerorientierten Möglichkeiten der Erwachsenenbildung konkrete Ziele zu formulieren, welche die Zugänglichkeit der lebensbegleitenden Bildungsangebote in den Blick nehmen.

Daneben gilt es, auch die bewusstseinsbildende Dimension des Inklusionsgedankens aufzugreifen und die Etablierung inklusiver Sichtweisen und Haltungen voranzutreiben. Aus der Perspektive der Bildungsträger ergeben sich hierfür Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der eigenen Institution, aber auch die Chance, darüber hinaus wirksam zu werden.

Innerhalb der eigenen Strukturen wird Inklusion zum selbstverständlichen Bestandteil der Organisationskultur und erweitert die „sozialen Kompetenzen“ des gesamten Unternehmens. Ein universelles Veranstaltungsmanagement berücksichtigt Inklusionsgesichtspunkte nicht nur bei Ausschreibung und Dokumentation, sondern auch bei  Strategie und Planung.

Nach außen wirkt inklusive Erwachsenenbildung zum einen durch Angebote, die das Thema Inklusion direkt inhaltlich aufgreifen und somit Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Prozesse nehmen. Zum anderen entfalten inklusive Bildungsträger eine Außenwirkung, indem sie mit der Ausrichtung an Leitlinien wie vorurteilsfreie Begegnung, Austausch und Diversität beispielgebend für andere gesellschaftliche Bereiche sein können.

Die im Folgenden formulierten Leitlinien orientieren sich an den verschiedenen Aspekten der Barrierefreiheit. Dabei muss jedoch im Blick behalten werden, dass Inklusion eine gesamtgesellschaftliche und politische Aufgabe darstellt.

Daher stellen die angeführten Leitlinien in der Summe nicht nur eine Herausforderung für die Träger der Erwachsenenbildung dar, sondern letztlich auch für die Entscheidungsträger auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen im privaten und öffentlichen Sektor. Die Leitlinien stecken den Rahmen eines Entwicklungsprozesses ab, der Schritt für Schritt umzusetzen ist.

Die Erwachsenenbildung wird ihren Teil dazu beitragen, dass Inklusion in Haltung, Denken und Handeln den ihr innewohnenden gesellschaftlichen Mehrwert entfaltet.

  • 1. Leitlinie: Querschnittsthema

    Die inklusive Bildung ist ein wichtiges Querschnittsthema in den Einrichtungen der Erwachsenenbildung.

    Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

    • Die Idee der Inklusion ist handlungsleitend für den Arbeitsalltag der Mitarbeitenden in allen Bereichen und ist im Qualitätsmanagement verankert.
    • Es erfolgt eine Einbindung der Mitarbeitenden mit verschiedensten Beeinträchtigungen durch regelmäßige Austauschforen zu Fragen der Inklusion (Einzelfallentscheidungen, Fallbeispiele).
    • Die Lehr-/Lernbedingungen tragen der Vielfalt der am Lehr-/Lernprozess Beteiligten
    • Die Mitarbeitenden setzen sich mit den individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Ursachen von Exklusion auseinander und entwickeln, ggf. in Kooperation mit Dritten Inklusionsmaßnahmen für ihre Einrichtung bzw. das System der Erwachsenenbildung insgesamt.
  • 2. Leitlinie: Mitarbeitende

    Die Mitarbeitenden bilden sich kontinuierlich zu den verschiedenen Aspekten der Inklusionsthematik weiter, reflektieren ihr eigenes Verhalten im Umgang mit einer inklusiven Bildungsarbeit und leisten ihren Beitrag dazu, den Gedanken der Inklusion im institutionellen Handeln ihrer Einrichtung mit Leben zu erfüllen.

    Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

    • Die Mitarbeitenden nehmen die Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse der Lernenden und den damit verbundenen Unterstützungsbedarf wahr.
    • Die Mitarbeitenden sind in der Lage, auf besondere Anforderungen von Lernenden adäquat zu reagieren, indem sie selbst Hilfs- und/oder Unterstützungsangebote offerieren bzw. an Personen verweisen, die den Lernenden weiterhelfen können.
    • Die Mitarbeitenden arbeiten kontinuierlich an ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen, z. B. durch Weiterbildung und Fortbildung.
    • Die Mitarbeitenden reflektieren regelmäßig in dafür vorgesehen Formaten über ihre eigenen Erfahrungen mit inklusiven Lehr- und Lernangeboten und tauschen sich zu anderen Themen der Inklusion in ihrer Einrichtung aus.
    • Die Mitarbeitenden nutzen die Ergebnisse der Evaluation der Bildungsangebote und die Erkenntnisse aus den Rückmeldungen von Lehr- und Lernenden zur kontinuierlichen Optimierung der Schlüsselprozesse der Bildungsarbeit hinsichtlich der Umsetzung des Inklusionsziels.
    • Eine Abstimmung zwischen den verschiedenen Gruppen der Beschäftigten und Lernenden mit und ohne Beeinträchtigung bzgl. Planung, Gestaltung, Organisation, Durchführung und Evaluation der Bildungsangebote findet statt.
  • 3. Leitlinie: Gestaltung des Bildungsangebotes

    Das Bildungsangebot ist inklusiv gestaltet.

    Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

    • Neben der Bedarfsermittlung der Bildungsinhalte werden auch Rahmenbedingungen wie Zugang, Formate, Bildungsorte berücksichtigt.
    • Die Möglichkeiten des Lernens am anderen Ort werden für inklusive Lernangebote genutzt.
    • An geeigneter Stelle des Bildungsangebotes der Einrichtung ist beschrieben, dass Menschen mit Beeinträchtigungen, Migranten u.a. willkommen sind (ggf. mit Begleitperson).
    • Alle Texte sind in verständlicher Sprache formuliert bzw. bei Bedarf in Leichter Sprache.
    • Die Texte berücksichtigen angemessene Schriftgrößen/Schriftarten, Kontrastdruck, (einheitliche) Piktogramme, etc.
    • Mit den Anmeldeformalitäten wird ein Unterstützungsbedarf der Teilnehmenden erfragt.
    • Die Einrichtung beschreibt die vorhandenen Unterstützungsangebote (z. B. Assistenz, Hilfsmittel, Lernmaterialien in einfacher Sprache,…).
    • Das Bildungsangebot beschreibt Lernvoraussetzungen, ggf. mögliche Einschränkungen/Begrenzungen.
    • Für das Bildungsangebot gibt es verschiedene Darstellungsmöglichkeiten (Kursprogramm, Internet, Flyer,…). Alle orientieren sich an einer inklusiven Gestaltung.
  • 4. Leitlinie: Partizipation

    Die Lehrenden und (potenziell) Lernenden sowie andere Experten mit einer Beeinträchtigung sind bei der inklusiven Gestaltung des Lehr- und Lernprozesses beteiligt.

    Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

    • Den Bedürfnissen der Menschen mit Beeinträchtigungen wird mit Offenheit begegnet. Konkrete Bedarfsfälle werden genutzt, um Perspektivwechsel herbeizuführen und weitere Angebote zu entwickeln.
    • Menschen mit Beeinträchtigungen werden als Bereicherung im Team wahrgenommen und wertgeschätzt.
    • Lernende und Lehrende mit Beeinträchtigungen werden mit ihrem Expertenwissen für die Entwicklung inklusiver Bildungsangebote wertgeschätzt.
    • Es findet ein Austausch von Beispielen guter Praxis statt. Die Erkenntnisse und Erfahrungen, das positive Erleben für Lernende und Beschäftigte werden miteinander geteilt und weiter gegeben.
    • Menschen mit Beeinträchtigungen werden bei der selbstbestimmten Auswahl von Bildungsangeboten und deren Nutzung unterstützt.
    • Es werden Kooperationen mit Trägern auf dem Gebiet der Inklusion, z. B. Lebenshilfe, Behindertenbeirat, Behindertenbeauftragte, Selbsthilfegruppen gestaltet.
    • Im Rahmen der Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Kräften werden diese für inklusiv gestaltete Bildungsangebote sensibilisiert. Dazu werden Kontakte zu Multiplikatoren und Schlüsselpersonen aufgebaut.
  • 5. Leitlinie: Öffentlichkeitsarbeit

    Die Öffentlichkeitsarbeit der Erwachsenenbildungseinrichtungen orientiert sich am Bedarf aller Menschen und trägt ihrer Vielfalt Rechnung.

    Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

    • Es werden zielgruppenorientierte passgenaue Angebote unterbreitet und die  Rahmenbedingungen bezüglich der Barrierefreiheit mit dem Ziel der Ermutigung zur Teilnahme benannt.
    • Die Internetseite/Werbematerialien/Formulare/Ausschreibungen sind barrierefrei. 
    • Die Texte werden möglichst kurzgehalten und enthalten entsprechend der Zielgruppe angemessene Textformulierungen.
    • Die möglichen Unterstützungen sind im ausgeschriebenen Bildungsangebot sichtbar.
    • Es erfolgt eine Sensibilisierung der Gesellschaft für Fragen der Inklusion durch Veranstaltungen zum Thema Inklusion und die Bildung von Netzwerken.
  • 6. Leitlinie: Gebäude/Räumlichkeiten/Ausstattung

    Die Zugänge zur Einrichtung, deren Räumlichkeiten sowie die Ausstattung sind an den Anforderungen der Menschen mit Beeinträchtigungen/Unterstützungsbedarf ausgerichtet.

    Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

    • Die Wegbeschreibung zur Einrichtung ist in einfacher Sprache mit grafischen Hilfsmitteln wie Karte/Skizze und Foto vom Gebäude erstellt.
    • Die Einrichtung informiert im Bildungsangebot über die baulichen Gegebenheiten (z.B. Lift, Behindertenparkplätze,…).
    • Die Einrichtung berücksichtigt bei Beschilderungen den Inklusionsgedanken (Kontraste, große Schrift, Hindernisse kennzeichnen,…).
    • Investitionen und Überlegungen zur Anmietung von Räumen berücksichtigen die Aspekte der Barrierefreiheit.
  • 7. Leitlinie: Notwendige Unterstützung

    Die Einrichtungen werden bei der Umsetzung von inklusiven Bildungsangeboten durch die Bereitstellung von Ressourcen und geeigneter Infrastruktur unterstützt.

    Für die Umsetzung werden folgende Empfehlungen ausgesprochen:

    • Es werden zusätzliche öffentliche Mittel für eine inklusive Erwachsenenbildung zur Verfügung gestellt.
    • Es ist ein Projektfonds für Träger und Einrichtungen zur Realisierung von Projekten, z.B. zur Entwicklung innovativer Bildungsangebote, Weiterbildung der Mitarbeitenden, bauliche Maßnahmen etc. vorhanden.
    • Es wird eine Servicestelle für sämtliche Einrichtungen der Erwachsenenbildung zur Unterstützung übergreifender Aufgaben einer inklusiven Erwachsenenbildung eingerichtet.
    • Es werden ausreichende Ressourcen zur Evaluation der Umsetzung der inklusiven Erwachsenenbildung zur Verfügung gestellt.

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